{"id":40958,"date":"2025-08-08T01:10:15","date_gmt":"2025-08-08T01:10:15","guid":{"rendered":"https:\/\/jeltsch.eu\/webblog\/?page_id=40958"},"modified":"2026-04-17T02:13:38","modified_gmt":"2026-04-17T02:13:38","slug":"artikel-tara-hill-reto-jeltsch","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jeltsch.eu\/webblog\/artikel-tara-hill-reto-jeltsch\/","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p>JELTSCH.EU<\/p>\n<ul>\n<strong>Reto Jeltsch hat innert der letzten 40 Jahre ganz unterschiedliche, eindr\u00fcckliche Werke geschaffen. Ausserdem leidet er seit Mitte der 80er Jahre an Multipler Sklerose (MS). Keine einfachen Voraussetzungen f\u00fcr die Karriere des vision\u00e4ren Autodidakten, Denker und Praktiker.<\/strong><\/ul>\n<p>Reto Jeltsch ist Autodidakt. Eine Tatsache, die man dem imposanten Leistungskatalog des Basler K\u00fcnstlers nicht unbedingt anmerkt. Im Gegenteil: Darunter finden sich eindr\u00fcckliche Acryl-Werke, experimentelle Filmclips, Textarbeiten von Prosa bis Poesie, aber auch fr\u00fche digitale Fotografie und Skulpturen \u2013 sichtbare sowie unsichtbare. Doch dazu sp\u00e4ter mehr.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst ist an der Biographie von Jeltsch nichts Ungew\u00f6hnliches. Das Gymnasium brach er kurz vor der Matura ab und erwarb stattdessen das Handelsdiplom. Dann hielt er sich eine Weile mit Gelegenheitsjobs \u00fcber Wasser, was schliesslich zu einer Festanstellung im Warenlager einer Textilfirma f\u00fchrte. Hier stimmte vor allem das Umfeld; seine unmittelbaren Mitarbeiter waren alles angehende K\u00fcnstler oder Studenten, darunter auch private Freunde von ihm.<\/p>\n<p>Sowieso, seine Clique: Das erste Atelier, ein riesiges Kellergew\u00f6lbe, teilte er sich mit dem Basler Fotografen und sp\u00e4teren Kult-Medienschaffenden Fonzi Tromboni im Gellert. Dort, so Jeltsch, habe er erstmals Platz gefunden, um zu experimentieren. Es finden sich aus dieser Zeit faszinierende Schraffierungen, unter anderem Auseinandersetzungen mit sexueller Gewalt, als Gespenst und Gruselfigur (Bogeyman), die seine damalige Partnerin und sp\u00e4tere Frau in der Kindheit erlebt hatte. Eindr\u00fccklich f\u00e4llt bereits hier die Stimmung auf, die Jeltschs Werke durchzieht; da sind lichte, quasi durchflutete, helle Prophezeiungen und Wortspiele, aber eben auch h\u00e4rterer Stoff, Einblicke in die Abgr\u00fcnde der menschlichen Seele.<br \/>\nErst das Zusammenspiel macht das faszinierende Spektrum von Jeltsch deutlich, und wie er den Sprung zwischen den dunkleren Gefilden und Abgr\u00fcnden seiner oder besser gesagt: der menschlichen Seele in Angriff nimmt.<\/p>\n<p>Das habe sich so ergeben, erinnert sich Jeltsch, indem er sich auch mit den Problemen seines Umfelds auseinandergesetzt, seinen Partnerinnen und auch Freunden zugeh\u00f6rt habe, und versucht, \u00abraw\u00bb also \u00abroh\u00bb daraus die Emotionen sp\u00fcrbar zu machen. In der Zeit, Mitte 80er, h\u00e4tte man viel experimentiert, meint Jeltsch. \u00abMit den unterschiedlichsten Ausdrucksformen, Materialien, Medien. Und auch dem Konsum mannigfaltiger Substanzen\u00bb.<\/p>\n<p>Dennoch war Reto Jeltsch keineswegs ein Aussteiger \u2013 neben der t\u00e4glichen Lohnarbeit intensivierte sich sein Drang nach kreativem Ausdruck und er steckte jetzt jede freie Minute in Projekte wie seine erste Fotoserie \u00abBodies &#038; Buildings\u00bb, welche 1986 in einer ersten \u00f6ffentlichen Ausstellung in einer Galerie in Basel zu sehen war. <\/p>\n<p>In diese Zeit fielen eine Reihe beunruhigender Ereignisse. Zun\u00e4chst die unerwartete Erfahrung mit einem \u00abKlopfgeist\u00bb, einer Art Poltergeist-Ph\u00e4nomen w\u00e4hrend eines Besuchs bei Freunden auf dem Land. Doch trotz der tats\u00e4chlichen Wahrnehmung dieser unerkl\u00e4rbaren, unheimlichen Energie \u2013 vier Leute waren an diesem Abend unten in der K\u00fcche anwesend, als es im Dachgeschoss des freistehenden Hauses \u00fcber den Abend hinweg in unterschiedlichen Abst\u00e4nden dreimal laut krachend donnerte \u2013 wusste Jeltsch nicht wirklich, \u00abwie jetzt mit diesen Eindr\u00fccken umgehen\u00bb, sie blieben einfach h\u00e4ngen, liessen ein h\u00f6chst unangenehmes Gef\u00fchl zur\u00fcck, bis heute unvergessen.<\/p>\n<p>Nur wenige Wochen sp\u00e4ter sollte eine Gesch\u00e4ftsfahrt Jeltschs Leben tats\u00e4chlich f\u00fcr immer aus den Fugen bringen. Er wurde mitten auf der Autobahn bei Tempo hundertdreissig pl\u00f6tzlich von extrem ausgepr\u00e4gtem Drehschwindel erfasst, so dass er nur noch die H\u00e4nde ums Lenkrad klammern und starr geradeaus weiter fahren konnte, bis die heftige Schwindelattacke vor\u00fcber war. Was unmittelbar f\u00fcr Jeltsch und seinen Beifahrer lebensgef\u00e4hrlich war, hatte einen Hintergrund, den keiner erwartete: Reto Jeltsch, so stellten seine \u00c4rzte fest, leidet an der unheilbaren Krankheit Multiple Sklerose.<\/p>\n<p>Was zun\u00e4chst ein Schock f\u00fcr den damals noch jungen und ambitionierten Jeltsch war, stellte sich sp\u00e4ter Schritt f\u00fcr Schritt als Ausweg in ein selbstbestimmtes Leben heraus \u2013 ein Leben, das zwar schwieriger sein d\u00fcrfte, als das der meisten seiner Freunde, ihm letztlich aber auch viel Freiheit erm\u00f6glichte, sich seiner K\u00fcnstlerkarriere zu widmen. Nachdem sich die erste Depression gelegt hatte, begann f\u00fcr Reto Jeltsch als Neu-Patient eine erstaunlich produktive Phase. <\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr 1987 erhielt Jeltsch ein prestigetr\u00e4chtiges Stellenangebot als Computer Graphic Designer. In der neu gegr\u00fcndeten Kleinfirma konnte er die hochmoderne Computer Workstation von \u00abGenigraphics\u00bb, Kaufpreis rund eine halbe Million Schweizer Franken, neben der Erledigung der gesch\u00e4ftlichen Auftragsarbeiten auch privat zur Verfremdung seiner eigenen Fotografien nutzen.<br \/>\nMit diesen digital nachbearbeiteten Bildern erlangte Jeltsch erstmals internationale Aufmerksamkeit, als im Schweizer Fotomagazin PHOTOGRAPHIE (Ausgabe 11\/88) eine sechsseitige Reportage \u00fcber seine Arbeit mit der neuen Digitaltechnologie publiziert wurde. Auf diesem Artikel basierend erschienen Monate sp\u00e4ter auch Medienberichte in unterschiedlichen Fotofachmagazinen in Deutschland.<\/p>\n<p>Gegen Ende 1991 begann Jeltsch, sich damit auseinanderzusetzen, was ihn in seinen sp\u00e4teren Schaffensperioden auszeichnen sollte: Mit seinen imagin\u00e4ren Gedankenvorstellungen &#8211; nicht materielle Kunstwerke und Installationen &#8211; konnte Jeltsch seine zunehmend fantastischen Ideen ausarbeiten. Dass er 1994 in einem zweiten Anlauf eine IV-Rente r\u00fcckwirkend f\u00fcr zwei Jahre zugesprochen bekam, half, dass er nicht mehr dringend darauf angewiesen war, mit der Kunst auch seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.<br \/>\nAber so oder so sei es zu Beginn dieser Arbeit \u00abnicht in erster Linie darum gegangen, imagin\u00e4re Werke auch zu <em>verkaufen<\/em>\u00bb. Vielmehr war ihm wichtig, darauf hinzuarbeiten, dass das Imagin\u00e4re in der Kunst generell mehr Akzeptanz f\u00e4nde und endg\u00fcltig als eigenst\u00e4ndige Kunstform etabliert w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Idee zur Serie seiner \u00abSchriftbildobjekte\u00bb kam ihm 1992 kurz vor dem Umzug in die USA, wo er seine sp\u00e4tere Frau heiraten sollte. Mehrere Jahre lang lebte Jeltsch an der US-Ostk\u00fcste, eine Umgebung, die ihn nicht nur vordergr\u00fcndig inspirierte, sondern auch seine Lebensumst\u00e4nde nachhaltig ver\u00e4nderte.<br \/>\n\u00abIch war pl\u00f6tzlich finanziell komplett unabh\u00e4ngig\u00bb, bilanziert er diese Zeit, in der es erstmals zur Umsetzung einzelner Prototypen dieser \u00abMultiples\u00bb kam, Schriftbildobjekte aus Glas mit einer jeweiligen Auflage von f\u00fcnf Exemplaren, wie beispielsweise das fast mystisch anmutende Objekt \u00abNebel\u00bb, ein weisses, gerahmtes Kunstwerk mit dem entsprechenden Wort in der Mitte. Je l\u00e4nger man hinsieht, desto faszinierender scheint das nach vorne wandernde Wort \u2013 wie Nebel der sich ausbreitet. In einem zweiten Schritt, der an den heute weltber\u00fchmten K\u00fcnstler Olafur Eliasson gemahnt, w\u00e4re die Erweiterung des Werks via zus\u00e4tzlicher Textanweisung, die rechts unten neben dem Glasrahmen direkt an der Wand abgebracht ist, und dazu anweist sich eine kniehohe Nebeldecke vorzustellen, die den Boden des ganzen Ausstellungsraums mit Nebel bedeckt. <\/p>\n<p>Dass Jeltsch mit seinen aktuellen Arbeiten richtig lag, wurde nach seiner R\u00fcckkehr in die Schweiz 1995 durch die Aufnahme eines seiner Werke in die \u00f6ffentlich ausgeschriebene Jahresausstellung der Basler K\u00fcnstler in den R\u00e4umen der Kunsthalle Basel best\u00e4tigt \u2013 das gl\u00e4serne Schriftbildobjekt wurde \u00abstante pede\u00bb nach Er\u00f6ffnung der Vernissage von einem bekannten Basler Kunstsammler erworben.<\/p>\n<p>Weitere Objekte umd Vorstellungen entstanden \u2013 Wolken wurden gedanklich in die Form eines kleinen, auf Kopfh\u00f6he schwebenden Kubus gegossen. Seen und Fl\u00fcsse wurden von fix definierten Standorten aus wie z.B. dem B\u00fcrgenstock oder der Wettsteinbr\u00fccke in Basel zu fl\u00fcssigem Gold transformiert. Auch das Bremsger\u00e4usch einer zum Stehen kommenden Dampflokomotive wurde mental zu einer Metallskulptur verarbeitet und dann auf ein leeres, real im Raum platziertes Holzpodest projiziert.<br \/>\nZwischen 1992 und 2024 wurden so an die f\u00fcnfzig solcher rein gedanklicher Werke und etwa dreissig verschiedene Motive f\u00fcr Schriftbildobjekte aus Glas geschaffen.<\/p>\n<p>Nicht ganz einfach war dann sp\u00e4ter die Aufgabe, die Vielzahl an Texten ins Englische zu \u00fcbersetzen. Und vor allem: Die Atmosph\u00e4re und Poesie der deutschsprachigen Originalwerke zu erhalten.<br \/>\nNach einem intensiven Arbeitsjahr konnte dieses langj\u00e4hrige Vorhaben 2021 schliesslich realisiert werden. Denn nur in englischer Sprache w\u00fcrden die Werke allenfalls auf dem internationalen Kunstparkett bestehen k\u00f6nnen, das war Jeltsch schon lange klar.<\/p>\n<p>\u00abDas Thema von fr\u00fcher ist immer noch da: Einfach machen!\u00bb. Bis heute arbeitet der K\u00fcnstler, der meist erst mittags aufsteht, oft bis tief in die Nacht hinein.<\/p>\n<p>Wer jetzt denkt, an imagin\u00e4ren Skulpturen und Installationen zu arbeiten, das klinge einfach, schluffig oder juffelig, denn da k\u00f6nne einer einfach die Vorstellungskraft seines Publikums nutzen, der k\u00f6nnte nicht falscher liegen. Nicht stunden-, sondern wochenlange Arbeiten an den zugrundeliegenden Texten oder Anweisungen zur Umsetzung seiner gedanklichen Sch\u00f6pfungen sind bei Jeltsch normal. \u00abManche entstehen sogar \u00fcber Jahre hinweg\u00bb. Innere Bilder auf m\u00f6glichst einfache und poetische Weise so in Worte zu fassen, dass andere sie m\u00f6glichst exakt nachvollziehen und visualisieren k\u00f6nnen, sei in Wahrheit \u00abKnochenarbeit\u00bb. <\/p>\n<p>Dies zeigt sich bildlich bei einer seiner ersten k\u00fcnstlerischen Auseinandersetzungen mit seiner Krankheit, aber auch seiner Vergangenheit: H\u00e4nde, welche fast skelettartig aus dem Kunstwerk ragen, nach Kontakt mit der Aussenwelt suchen. Die Fantasie des jungen Jeltsch schien bereits diese breit angelegte Mixtur aus luftig-wolkigen Gedankengebilden und dunkelbunten Elementen \u00fcber die Gefahren und Endlichkeit des Lebens zu beinhalten. <\/p>\n<p>So begann der charismatische Kunstmagier bereits als Neunj\u00e4hriger erstmals bewusst, Gedanken zu \u00abschmieden\u00bb, als er zur\u00fcckgelehnt im Drehsessel im Wohnzimmer des Elternhauses sass und den  Raum in der Vorstellung spontan auf den Kopf stellte; die Zimmerdecke wurde so zum Boden und M\u00f6bel und andere Gegenst\u00e4nde hingen jetzt alle wie festgeklebt kopf\u00fcber, w\u00e4hrend er in Gedanken langsam und gem\u00e4chlich \u00fcber den Boden schritt \u2013 jetzt weiss \u2013 und den Raum um ihn herum auf diese Weise umgekehrt wahrnahm (\u00abRaum \u00fcber Kopf\u00bb, 1972\/2012).<\/p>\n<p>Ebenfalls in der Kindheit entsprang die Idee zu seiner sp\u00e4teren Arbeit \u00abThe Cody Suit\u00bb: Ein imagin\u00e4rer Astronautenanzug aus dem Apollo-Zeitalter verschafft dem Tr\u00e4ger absoluten Schutz und Sicherheit vor allen m\u00f6glichen Gefahren \u2013 beide Werke stehen in einem gr\u00f6sseren, biographischen  Zusammenhang mit dem fr\u00fchen Tod einer seiner beiden \u00e4lteren Schwestern, die mit bloss f\u00fcnf Jahren an einem Gehirntumor verstarb. Jeltsch selbst war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal vierzehn Monate alt. <\/p>\n<p>Jahrzehnte sp\u00e4ter sollte Jeltschs Analytiker seine gedanklichen Sch\u00f6pfungen quasi als Gegenst\u00fccke zu diesem tragischen Ereignis entschl\u00fcsseln, wobei er dessen Werke als \u00abweisse Tumore\u00bb bezeichnete. In der Folge wollte Jeltsch, eher ern\u00fcchtert, auf weitere Kreationen in dieser Richtung verzichten &#8211; ein mehr als f\u00fcnfzig Jahre zur\u00fcckliegendes Trauma weiter auf diese Weise zu \u00abbeg\u00e4rtnern\u00bb lag ihm pl\u00f6tzlich fern. \u00abAber schliesslich spiegeln sich pers\u00f6nliche Lebensumst\u00e4nde nicht selten in K\u00fcnstlerbiographien wieder\u00bb, erl\u00e4utert er achselzuckend. Also begann er nach kurzer Pause doch wieder neue Ideen umzusetzen &#8211; jetzt allerdings zunehmend auf sozialkritische Weise, was die Themen seiner aktuellen Arbeiten betraf: Die Exzesse des Kunstmarkts, die Resilienz alleinerziehender M\u00fctter, die \u00abLike-Kultur\u00bb auf Social Media.<\/p>\n<p>Mittlerweile schafft Jeltsch nicht mehr so viele imagin\u00e4re Werke wie in seiner Anfangszeit, wo er einst sogar den Theaterplatz unterhalb der Elisabethenkirche in Basel mit Hilfe einer am Handlauf der Treppe angebrachten Textplatte gedanklich in einen grossen, weissen Sockel verwandelte.<br \/>\nAktuell wird diese Arbeit, die urspr\u00fcnglich f\u00fcr New York konzipiert wurde, anl\u00e4sslich des dreissigj\u00e4hrigen Jubil\u00e4ums ihres Bestehens im Herbst 2025 als limitierte Edition in einer fr\u00fchen Basistextversion als Kunstdruck in Form einer Blindpr\u00e4gung auf B\u00fcttenpapier in den Verkauf gelangen: \u00ab(Pedestal for) Life \/ Imagination for New York City\u00bb (Essential Basic Text Edition), 2025.<\/p>\n<p>\u00abMeine St\u00e4rke sind Ideen, Vorstellungen, Visionen\u00bb, betont Jeltsch. Die haptische Umsetzung, was Organisation von Material, technische Hilfsmittel, Transport, Computerarbeit etc. anbetrifft, wird durch seinen angegriffenen Gesundheitszustand dagegen zunehmend erschwert: Wie lange hat er f\u00fcr das jeweilige Arbeitsprojekt die daf\u00fcr notwendige Energie (MS-Symptom \u00abFatigue\u00bb)? Und wieviel k\u00f6rperlichen Folgeschmerz muss er bei ausufernder Bildschirmarbeit in Kauf nehmen (Bandscheiben, R\u00fccken)? Keine einfachen Fragen f\u00fcr jemanden, der diesen Herbst schon seit vierzig Jahren mit einer chronischen, unberechenbaren Krankheit zu tun hat.<\/p>\n<p>Seine neueren Arbeiten w\u00fcrden zunehmend komplexer, umfassten deutlich mehr Anleitungstext als noch in der Anfangszeit, sagt Jeltsch \u00fcber den eigenen Werkkatalog, der seiner Angabe nach ab 1992 massgeblich von folgender Grundsatzaussage Rudolf Steiners in seinem Buch \u00abDie Philosophie der Freiheit\u00bb aus dem Jahr 1894 beeinflusst wurde: \u00abEin Gedanke allein kann schon (eine) Skulptur sein\u00bb.<br \/>\nK\u00fcnftig k\u00f6nnen die Werke, die einem Hybrid aus Kunst und Poesie entspr\u00e4chen, auch via eigenen QR-Code \u00fcber das Smartphone im \u00f6ffentlichen Raum in St\u00e4dten wie New York, Z\u00fcrich oder anderswo installiert werden. <\/p>\n<p>So etwa die mehrere Meter hohe Pappmach\u00e9-Figur mit Spitzhut und kegelf\u00f6rmig ausladendem Gewand im Dadastil, die man sich auf dem Messeplatz per Anweisungstext via Mobiltelefon w\u00e4hrend der Pre-Preview-Vernissage der Kunstmesse Art Basel auf H\u00f6he der Kassenh\u00e4uschen schr\u00e4g vor dem Messeturm-Hotel vorstellen soll: Die Figur schwebt sanft \u00fcber dem Boden, rotiert in ruhiger, regelm\u00e4\u00dfiger Bewegung um ihre eigene Achse und verteilt mit seitlich ausgestreckten, spitzen Armen fl\u00fcssige Goldpartikel \u00fcber die K\u00f6pfe der vorbei eilenden Besucher. An diesem exklusiven Preview-Tag bestehen diese zu einem grossen Teil aus Kunst-Einkaufsagenten. Die Goldfl\u00fcssigkeit wird dann in der Ausstellung, beim Rennen durch die G\u00e4nge, mit Smartphone am Ohr, \u00e4hnlich einer tropfenden Blutspur\u2013 aber eben: in Gold, auf dem Boden der Ausstellungsr\u00e4ume hinterlassen.<\/p>\n<p>Faszinierend, wie Jeltsch die Menschen mit dieser Vorgehensweise dazu bringt, selbst aktiver Teil der Skulptur zu werden, und damit p\u00e4dagogisch Einfluss nimmt.<br \/>\n\u00abAber klar\u00bb, r\u00e4umt der K\u00fcnstler an dieser Stelle ein, \u00abw\u00fcrden mir Unsummen f\u00fcr meine Arbeiten bezahlt, ich w\u00fcrde kaum Nein sagen&#8230;\u00bb.<\/p>\n<p>Auch eine andere seiner letzten, aufw\u00e4ndigen Arbeiten, wo am Ende von tausenden von Stimmen gleichzeitig der Satz \u00abEverybody is an artist now\u00bb zu \u00abh\u00f6ren\u00bb ist, zunehmend von immer mehr Mitwirkenden gesprochen und als Aussage zum Loop gelayeret, zielt in diese Richtung. Eine Welt, in der jeder K\u00fcnstler ist: \u00abWarum nicht?\u00bb sinniert Jeltsch inzwischen \u00fcber das akustisch eindr\u00fcckliche \u00abSpoken Word Piece\u00bb, bei dem unterschwellig aber auch ein bedrohlicher Unterton mitschwingt: \u00abLieber alle werden K\u00fcnstler, als Krieger. Grunds\u00e4tzlich finde ich es gut, sich inspirieren zu lassen\u00bb. Das Werk ist in Anlehnung an eine ber\u00fchmtes Zitat von Joseph Beuys entstanden.<\/p>\n<p>Das Fabulieren bei der Entstehung solch kreativer Spontanerg\u00fcsse mache ihm einfach Spass, erkl\u00e4rt der Gedankensculpteur. Und die Ideen gehen ihm nicht aus. \u00abIch sch\u00f6pfe, also bin ich\u00bb lautet inzwischen sein Wahlspruch \u2013 irgendwann sei er dann zwar so ersch\u00f6pft, leer gesch\u00f6pft quasi, dass er nicht mehr mag. Aber bis dahin gilt: Er arbeitet weiter, solange er kann \u2013 sonst brauche es ihn nicht mehr. F\u00fcr uns hingegen gilt vielleicht das Gegenteil: Wir brauchen ihn, seine Schaffenskraft, Freude, Inspiration und den Pioniergeist, der ihn bis heute befl\u00fcgelt.<\/p>\n<p>Allzu viele solcher Werke mag Reto Jeltsch heute allerdings nicht mehr herstellen. Schliesslich schreibt er auch gerne, will das 1988 begonnene Buchprojekt zu Ende bringen, dessen Basismaterial \u00fcber die Jahre auf gut zweitausend Seiten angewachsen ist. Vielleicht macht er auch wieder elektronische Musik. Oder weitere experimentelle Kurzfilme, von denen inzwischen einige auf YouTube oder Vimeo zu sehen sind. <\/p>\n<p>Seine Gesundheit mag angegriffen sein, der Geist ist es nicht \u2013 fast 40 Jahre nach seinen ersten Gehversuchen als K\u00fcnstler hat sich Reto Jeltsch als einer der vielf\u00e4ltigsten, kreativen K\u00f6pfe der Gegenwart erwiesen. Allen Hindernissen zum Trotz bleibt der Basler ein Allround-Genie. Und uns hoffentlich noch lange erhalten.<\/p>\n<p>Tara Hill,<br \/>\n10.04.2025<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<a href=\"https:\/\/jeltsch.eu\/webblog\/info\/\"><<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>JELTSCH.EU Reto Jeltsch hat innert der letzten 40 Jahre ganz unterschiedliche, eindr\u00fcckliche Werke geschaffen. Ausserdem leidet er seit Mitte der 80er Jahre an Multipler Sklerose (MS). Keine einfachen Voraussetzungen f\u00fcr die Karriere des vision\u00e4ren Autodidakten, Denker und Praktiker. Reto Jeltsch ist Autodidakt. 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