{"id":7374,"date":"2023-01-04T23:48:06","date_gmt":"2023-01-04T23:48:06","guid":{"rendered":"https:\/\/jeltsch.eu\/webblog\/?page_id=7374"},"modified":"2026-03-15T15:04:42","modified_gmt":"2026-03-15T15:04:42","slug":"nebuloese-vorstellungen-von-butter-schneefall-ein-moegliches-interview","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jeltsch.eu\/webblog\/nebuloese-vorstellungen-von-butter-schneefall-ein-moegliches-interview\/","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><br \/>\nErl\u00e4uterungen und Hintergrundinformationen zur Arbeit mit imagin\u00e4rer Kunst: (ein) m\u00f6gliches Interview<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<em><br \/>\nEinzelne Arbeiten von ihnen werden mit dem Ausdruck \u201cGedankenskulptur\u201c bezeichnet- was ist unter diesem Begriff zu verstehen?<\/em><\/p>\n<p>Um diese Frage zu beantworten muss etwas weiter ausgeholt werden- im Duden wird der Begriff \u201eSkulptur\u201c mit den Worten \u201edreidimensionale, vom Menschen geschaffene Form oder Figur aus fester Materie\u201c definiert. Das k\u00f6nnen herk\u00f6mmliche Skulpturen sein, aus Stein, aus Holz, Metall oder auch anderen Grundstoffen- in der modernen Kunst wurde die Auswahl der Basismaterialien f\u00fcr Skulpturen mehr und mehr erweitert. Und viele dieser Materialien kann man nicht nur sehen und ber\u00fchren, sondern auch riechen, beispielsweise Holz. Der gemeinsame Nenner dieser Werke besteht darin, dass die Mehrzahl der letztlich ausgef\u00fchrten Arbeiten urspr\u00fcnglich auf eine Idee zur\u00fcckgeht, eine Vorstellung davon, wie sp\u00e4ter etwas aussehen soll. Anschauliche Beispiele f\u00fcr solche Umsetzungsprozesse, der Materialisierung von Ideen also, lassen sich vergleichsweise gut in der Architektur finden- Bauwerke k\u00f6nnen oft bereits im Kopf eines Architekten detailliert Form annehmen, bevor sie sp\u00e4ter mittels Pl\u00e4nen von Baufachleuten tats\u00e4chlich realisiert werden.\u2028 Beim Konzept der Gedankenskulptur entsteht die gedankliche Vorstellung eines Objekts durch Worte- Form, Gr\u00f6sse, Beschaffenheit von Material und Oberfl\u00e4che werden in der Folge aber nicht materiell umgesetzt, sondern bestehen nur in der Fantasie des Betrachters. Sollte es sich bei einer bestimmten Vorstellung um eine Ansammlung mehrerer solcher gedanklicher Objekte handeln, kann auch von Gedankeninstallationen die Rede sein. Die Begriffe sind grunds\u00e4tzlich austauschbar. Der Ausdruck \u201eGedankenskulptur\u201c stellt letztlich den Sammelbegriff f\u00fcr Idee und Ausf\u00fchrungen s\u00e4mtlicher Arbeiten dar, die im Rahmen des Konzepts mit imagin\u00e4rer Kunst entstanden sind. Und weiter entstehen. Randnotiz an dieser Stelle: nicht zu vergessen ist dabei der Umstand, dass die Voraussetzung zur Umsetzung solcher gedanklicher Werke in erster Linie der Bereitschaft eines geneigten Publikums bedarf, sich \u00fcberhaupt auf diese Art von Gedankenspielen einzulassen. Denn die Leute werden ja dazu aufgefordert, ihre eigene Kreativit\u00e4t, ihre Vorstellungskraft zu aktivieren, um die Erfahrung einer Gedankenskulptur \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich zu machen. Und werden dadurch in kreativen Schaffensprozess eingebunden.<\/p>\n<p><em>Wie genau stellen Sie es an, eine Vorstellung, die nur in ihrem Kopf existiert, an Drittpersonen zu vermitteln- wird dabei auch mit Bildvorlagen gearbeitet oder beschr\u00e4nken sie sich dabei ganz auf Worte?<\/em><\/p>\n<p>Bilder ja, Worte ja. Aber wie bereits erw\u00e4hnt: keine realen Abbildungen wie Zeichnungen oder Fotografien. Bilder entstehen durch Worte, die Worte definieren eine Vorstellung. Und einer der besonderen Reize, auf der gedanklichen, nicht-materiellen Ebene zu bleiben, besteht darin, dass Materialien verwendet werden k\u00f6nnen, die so gar nicht existieren.\u2028 Dadurch erh\u00e4lt man die M\u00f6glichkeit mit Wolken zu arbeiten, sie auf jede m\u00f6gliche und vor allem auch unm\u00f6gliche Art zu verarbeiten- in der Vorstellung lassen sich Wolken giessen, in jedwede Form bringen. Und sie danach gedanklich h\u00e4rten. Anschliessend lassen sie sich sie wie feste Objekte behandeln. Man kann diese imagin\u00e4ren Objekte auf dem Boden installieren oder frei im Raum schweben lassen. Alles ist m\u00f6glich.<br \/>\n<em><br \/>\nUnd welcher Voraussetzungen bedarf es, um solche geistige Arbeiten optimal umzusetzen?<\/em><\/p>\n<p>Man ist dabei nicht direkt an bestimmte Vorgaben gebunden; in geschlossenen R\u00e4umen w\u00e4re der f\u00fcr Gegenwartskunst mittlerweile fast schon klassische Rahmen des \u201eWhite Cube\u201c aber von Vorteil. Ich denke an diverse, m\u00f6glichst schlichte R\u00e4ume, die dem Geist die n\u00f6tige Ruhe geben, sich auf die Vorstellung zu konzentrieren, die im Raum entstehen soll. Die ideale Raumsituation f\u00fcr diese Art von Arbeiten w\u00e4re viele leere, hohe R\u00e4ume von unterschiedlicher Gr\u00f6sse zur Verf\u00fcgung zu haben. Da w\u00e4re dann also ein leerer Raum, etwa vier Meter hoch, f\u00fcnf Meter lang und vier Meter breit. Decke und W\u00e4nde weiss gestrichen, der Boden ein helles Zementgrau. Im Raum selbst ist in den meisten F\u00e4llen nichts weiter als ein dreibeiniger Metallst\u00e4nder vorhanden, an dessen oberen Ende eine Texttafel angebracht ist. Der so knapp wie m\u00f6glich gehaltene Text definiert die Vorstellung einer imagin\u00e4ren Skulptur oder Installation, die dann in den leeren Raum projiziert wird. Die im Kopf entstandene Vorstellung wird also visualisiert und wenn es gelingt, sich ganz darauf einzulassen und sich auf die Vorstellung zu konzentrieren, dann k\u00f6nnen \u00e4usserst ungew\u00f6hnliche Kunstobjekte vor dem geistigen Auge entstehen.<\/p>\n<p><em>Es ist also nichts weiter vorhanden, als eine Textplatte und ein leerer Raum, in dem dann etwas sein sollte, das nicht wirklich zu sehen ist?<\/em><\/p>\n<p>Wenn man sich darauf einl\u00e4sst, sich der Vorstellung hingibt, dann wird etwas da sein. Wenn auch nichts Sicht- oder Greifbares. Und vielleicht auch nur f\u00fcr den Bruchteil einer Sekunde. Aber diese eine Sekunde lang l\u00e4sst sich etwas erfahren, das beinahe real ist. Das in der Erinnerung haften bleibt. Vielleicht mehr als die Erinnerung einer realen Abbildung. Im besten Fall.<\/p>\n<p><em>Sind imagin\u00e4re Objekte auch k\u00e4uflich erwerbbar?<\/em><\/p>\n<p>Das ist durchaus m\u00f6glich; es muss aber nicht zwangsl\u00e4ufig eine immaterielle Skulptur oder Installation sein. Im Zuge der Auseinandersetzung mit dem Thema wurden ab 1991 sowohl gedankliche Skulpturen als auch real vorhandene Objekte geschaffen. Als ich mit der Umsetzung erster geistiger Werke begann, wollte ich urspr\u00fcnglich nur mit Texten arbeiten. Aber dann hatte ich das Gef\u00fchl, dass der Schritt von null auf hundert f\u00fcr das breite Publikum vielleicht zu gross sein k\u00f6nnte. Deshalb wurden in der Folge auch reale Objekte geschaffen, die als Hilfsmittel, als Bindeglied zwischen der materiell sichtbaren und der rein gedanklichen Ebene fungieren. Dabei sind unter anderem auch dreidimensionale Schriftbildobjekte entstanden: Textzeilen auf durchsichtigem Plexiglas, leicht zur\u00fcckversetzt hinter mattiertem Glas, teilweise auch auf mehreren verschiedenen Ebenen, das Ganze in einem Holzrahmen gefasst. In der Art von Schauk\u00e4sten, um Worte zu zitieren, die ein Journalist unl\u00e4ngst in einem Zeitungsartikel zur Beschreibung der Objekte gew\u00e4hlt hatte. Da h\u00e4ngt dann etwas Reales vor einem an der Wand, das in der Folge aber auch \u00fcber das Objekt hinausgehen kann und in Gedanken seine Fortsetzung findet. Ein Beispiel daf\u00fcr ist das Objekt \u201eNebel\u201c, welches real im Raum vorhanden ist; die Erweiterung davon, die Vorstellung einer Nebeldecke, die den Raum bis auf Knieh\u00f6he bedeckt, nachdem der Nebel gedanklich \u00fcber den unteren Rand des Objekts hinaus auf den Boden geflossen ist, muss dann aber in der Vorstellung entstehen. Ein Text, der neben dem Schriftbildobjekt an der Wand klebt, leitet dazu an. Es sind auch Objekte in anderer Form entstanden, um den Einstieg in die Welt der Vorstellungen zu erleichtern.<\/p>\n<p><em>Zur\u00fcck zum Thema Gedankenskulptur- wie viele solcher Vorstellungen lassen sich schaffen, bis die Idee ausgereizt ist und die Spannung abnimmt?<\/em><\/p>\n<p>Die Frage ist durchaus berechtigt. L\u00e4sst sich zum gegenw\u00e4rtigen Zeitpunkt aber kaum abschliessend beantworten. Obwohl eine unendliche F\u00fclle an M\u00f6glichkeiten in Bezug auf Vorstellungen oder Rohmaterialien zur Verf\u00fcgung zu stehen scheint, ist es mir trotzdem wichtig, nicht in Beliebigkeit abzudriften. Mich nicht allzu sehr zu wiederholen. Das ist bereits jetzt ein Thema. In welcher Richtung eine Weiterentwicklung der Idee m\u00f6glich sein k\u00f6nnte, wird sich zeigen. Zu Beginn hat es einfach nur Spass gemacht, die verschiedenen Aspekte und M\u00f6glichkeiten dieser Idee auszuloten. Das gilt f\u00fcr die Art der \u00dcbermittlung, wie auch f\u00fcr die Vorstellungen selbst. Es gibt klar definierte Vorstellungen, bei denen Gr\u00f6sse, Farbe, Material und Standort exakt vorgegeben sind. Dann wiederum gibt es auch Definitionen, die bei der Umsetzung der Objekte einen gewissen Freiraum lassen und beim individuellen Betrachter individuelle Vorstellungen wach werden lassen- ein Beispiel daf\u00fcr ist die geistige Umsetzung des Bremsger\u00e4usches einer Dampflokomotive in Form einer dreidimensionalen Metallskulptur, die auf flaches, weiss gestrichenes und real im Raum vorhandenes Holzpodest projiziert wird. Ich habe mein Bild davon, wie diese Skulptur aussieht. Jeder andere wird daraus aber wieder ein anderes Bild machen.<\/p>\n<p><em>Anderes Thema- wieso \u00fcberhaupt \u00f6ffentliche Ausstellungen? W\u00e4re es nicht auch m\u00f6glich, das Konzept dieser Idee ausschliesslich in Druckform zu transportieren?<\/em><\/p>\n<p>Das w\u00e4re durchaus denkbar, zumindest im Ansatz. Aber dadurch, dass man sich an einen bestimmten Ort hinbegibt, in speziell daf\u00fcr geschaffene R\u00e4ume, in denen man von allt\u00e4glichen Ablenkungen abgeschottet ist, wird es leichter fallen, sich auf diese Gedankenspiele einzulassen. Und dabei hat man auch den notwendigen, leeren Raum um sich herum. \u00dcber den wohl kaum jemand zu Hause verf\u00fcgt. \u2028Und ausserdem sind da ja auch noch die real vorhandenen, dreidimensionalen Schriftbildobjekte. Die sich zwar auch auf Fotos abbilden lassen. Was aber nicht dasselbe w\u00e4re. Ausserdem werden in einer Ausstellung Vorstellungen durch dezente Hilfsmittel wie Bleistift- oder auch Bodenmarkierungen zug\u00e4nglicher gemacht. Aber die Idee und das Konzept lassen sich bestimmt bis zu einem gewissen Punkt auf schriftliche Art und Weise weitervermitteln. Eine Publikation in dieser Form ist bereits geplant. Trotzdem sollte dies kein Ersatz f\u00fcr die Erfahrung solcher Werke vor Ort sein, wie sie in wirklichen R\u00e4umen stattfinden kann. Ich sehe eine Publikation in schriftlicher Form vielmehr als begleitende Dokumentation, die Ausstellungen in Museen oder dem \u00f6ffentlichen Raum erst recht erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p><em>Wolken, Nebel, Bremsger\u00e4usche. Welche weiteren, ungew\u00f6hnlichen \u201cMaterialien\u201d werden f\u00fcr gedankliche Werke verwendet?<\/em><\/p>\n<p>Eine weitere Spielart besteht in der gedanklichen Umsetzung von Ger\u00fcchen. Der Geruch von frisch geschnittenem Rasen in Form eines schwebenden, halbtransparenten Kubus. Solche Dinge. Und Schnee. Der von der Decke des jeweiligen Raumes f\u00e4llt und sich dann aufl\u00f6st, sobald die Flocken den Boden ber\u00fchren. Zur\u00fcck im Raum bleibt der Geruch von Schnee. Den die meisten Menschen kennen. Ein Teil dieser Arbeiten wird dadurch geschaffen, dass Erinnerungen von Erfahrungen abgerufen werden, die man in anderem Zusammenhang auf die eine oder andere Art m\u00f6glicherweise bereits erlebt hat. Oder vielleicht auch nur irgendwo gesehen und dann im Kopf abgespeichert hat. \u2028Eine weitere Variation besteht darin, widerspr\u00fcchliche Mitteilungen zu kombinieren. Einen Laubrechen aus Metall mit dem Schriftzug \u201cTender Touch\u201d zu kombinieren. Dadurch eine geistig emotionale Reaktion bewirken. Die neueren Arbeiten zielen in diese Richtung, wollen Assoziation ausl\u00f6sen. Wichtig ist nicht das eigentliche Objekt als solches, sondern das, was es in deinem Kopf ausl\u00f6st. Die Folgebilder, Gedanken, Gef\u00fchle.<br \/>\n<em><br \/>\nUm noch einmal auf oben erw\u00e4hnte \u201cMaterialien\u201d zur\u00fcckzukommen: wieso Wolken, Nebel, Butter und dergleichen?<\/em><\/p>\n<p>Das Material oder die Stoffe, die geistig verarbeitet werden, haben in unterschiedlichen Kulturen Symbolgehalt. Nebel steht f\u00fcr das Unbestimmte, das Vage, auch f\u00fcr das Phantastische. In mythologischen Darstellungen mancher V\u00f6lker steht Nebel f\u00fcr den Urstoff der Welt. Damit verbunden sind auch Wolken, die oft als Wohnsitz der G\u00f6tter gelten, des \u00dcbersinnlichen. F\u00fcr mich stellen sie eine Art lose Verbindung zwischen der realen Erde und der nicht greifbaren Unendlichkeit des Himmels dar. Butter gilt vor allem in Indien als Tr\u00e4gerin kosmischer Energie. Und Gedanken wiederum sind f\u00fcr mich eng mit Energie verbunden. Auch Formen und Farben werden nach Symbolgehalt ausgew\u00e4hlt und sind meist nicht zuf\u00e4llig. Ich bringe nicht greifbare Substanzen oft in die Form eines Kubus. Der W\u00fcrfel ist ein begrenzter K\u00f6per, der aus Quadraten zusammengesetzt ist. Und Quadrate stehen f\u00fcr das Begrenzte. W\u00fcrfel sind so Symbol f\u00fcr das Solide, Feste; zugleich k\u00f6nnen sie aber auch f\u00fcr die Ewigkeit stehen. Dadurch, dass ich abstrakte, nicht materiell definierte Substanzen und Vorstellungen in die Form eines Kubus bringe, versuche ich sie k\u00f6rperlicher zu machen.<br \/>\n<em><br \/>\nWas war ausschlaggebend f\u00fcr diese Art von Kunst?<\/em><\/p>\n<p>Ich wollte mich Anfang der neunziger Jahre vom Material wegbewegen, nachdem ich mich w\u00e4hrend Jahren mit Fotografie und sp\u00e4ter dann mit Malerei und Objektkunst besch\u00e4ftigt hatte. Unterbewusst beinflusst von K\u00fcnstlern, die mit Konzeptkunst arbeiten, aber vor allem durch den Theorien des Architekten und Philosophen Rudolf Steiner in seinem Buch &#8222;Die Philosophie der Freiheit&#8220;, von denen ich im Herbst\/Winter Halbjahr \u201991\/\u201992 im Rahmen eines Lesezirkels erfuhr, begann ich, die M\u00f6glichkeiten der Arbeit mit rein geistigen, unsichtbaren Skulpturen zu erkunden. Und eines der Ziele war damals auch, mein Atelier auf die Gr\u00f6sse eines Notizblocks zu reduzieren. Was letztlich nicht ganz gelungen ist.\u2028 Aber es gab mehrere Gr\u00fcnde, warum ich mich vom Material l\u00f6sen wollte: zum einen wollte ich das Schema des aktiven Sch\u00f6pfers auf der einen und des passiven Betrachters auf der anderen Seite aufbrechen und Ausstellungsbesucher zu einem aktiven Teil des Werkes machen, sie in den Entstehungsprozess einbeziehen. Gleichzeitig fand ich die Idee,  scheinbar Unm\u00f6gliches m\u00f6glich zu machen, schon l\u00e4nger reizvoll. Also habe ich mich irgendwann hingesetzt und angefangen, einzelne lose Gedankenf\u00e4den zu verkn\u00fcpfen. Und wollte von da an immaterielle Objekte schaffen. Ich anerkannte die Aussage von Beuys, dass allein schon ein Gedanke eine Skulptur sein kann, und setzte diese Erkenntnis dann auch sehr w\u00f6rtlich um. Und bald hatte ich dann auch ein geeignetes Gef\u00e4\u00df f\u00fcr diese Art von Arbeiten entwickelt- das \u201cMuseum im Kopf\u201d, kurz MIK, dessen geistige Grundsteinlegung 1994 in Form einer Gedankenskulptur im Rahmen einer halbseitigen Inseratenanzeige im Kunstmagazin \u201cARTIS\u201d ver\u00f6ffentlicht wurde. Im Text des Inserats war eine Gedankenskulptur enthalten- die Vorstellung eines symbolischen, mattierten Glasbausteins, der auf Augenh\u00f6he \u00fcber dem Text der Zeitschriftenseite mit der Anzeige schwebt. Dabei soll das geplante, virtuelle Museum selbst nicht Kunstwerk, sondern vielmehr dazu da sein, den verschiedenen Vorstellungen gen\u00fcgend Raum zu geben und sie in einem entsprechenden Rahmen zu dokumentieren. Die Ausarbeitung dieses geistigen Museums wurde damals zwar begonnen, bisher aber noch nicht zu Ende gebracht. Vielleicht in diesem Jahrtausend\u2026<br \/>\n<em><br \/>\nSie erw\u00e4hnten verschiedene Gr\u00fcnde-<\/em><\/p>\n<p>\u2026von wegen Material, ja: das viele Material, das sich \u00fcber die Jahre in meinem \u00fcber zweihundert Quadratmeter umfassenden, unterirdischen Gew\u00f6lbe angesammelt hatte, welches mir als Atelier, Ausstellungsraum und Lager diente, wuchs sich irgendwann zu einem riesigen Stein am Bein aus, der mich unbeweglich machte, mich zunehmend belastete. Ausserdem wurde es mir auch zunehmend wichtiger, positive Dinge zum Ausdruck zu bringen, gute Gef\u00fchle zu schaffen, nachdem ich mich in den achtziger Jahren vornehmlich mit den negativen Aspekten von Umwelt, Gesellschaft und Politik auseinandergesetzt und kritische Kommentare dazu geschaffen hatte, die Zeitobjekte eben.\u2028 Irgendwann machte es einfach keinen Sinn mehr, negative Gef\u00fchle auszudr\u00fccken. Sie quasi noch auf ein Podest zu stellen. Ich wollte mich neu orientieren, mich sch\u00f6neren Dingen zuwenden-<br \/>\n<em><br \/>\nDann steckt also hinter der Idee der Gedankenskulptur die Absicht, sch\u00f6ne Dinge herzustellen\u2026?<\/em><\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang ist \u201eDinge\u201c wahrscheinlich der falsche Ausdruck, eher: Vorstellungen, Gef\u00fchle, Erfahrungen. Und das alles irgendwie auch mit einem Augenzwinkern, nicht todernst. Ich sehe die Idee der Gedankenskulptur nicht als eine hochgeistige, intellektuelle Sache &#8211; der poetische Aspekt ist mir wichtiger. Und dann habe ich eben auch den Anspruch, oder besser gesagt die Hoffnung, Menschen anzuregen, selbst aktiv zu werden, kreativ. Die eigene Phantasie, die ja zweifellos in jedem Menschen steckt, spielerisch auszuloten.<\/p>\n<p><em>Im Sinne von Joseph Beuys, von wegen \u201cjeder Mensch ist ein K\u00fcnstler\u2026\u201d<\/em><\/p>\n<p>\u2026aber nicht jedem ist es gegeben, damit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Dieser Zusatz wird beim Zitieren dieser Aussage oft unterschlagen.<\/p>\n<p><em>Auch Beuys hatte sich schon mit dem Aspekt der imagin\u00e4ren Skulptur besch\u00e4ftigt- hatte das auch Vorbildcharakter f\u00fcr ihre Arbeiten?<\/em><\/p>\n<p>Nicht wirklich. Bestimmt hatte mich das Thema im Zusammenhang mit Beuys fr\u00fcher auf die eine oder andere Art gestreift- ich habe zwar keine klare, bewusste Erinnerung daran, aber mein Unterbewusstsein hat das wahrscheinlich aufgenommen. Und dadurch wurde meine Arbeit wohl auch beeinflusst. Die Machbarkeit solcher Dinge. Aber was genau das f\u00fcr Beuys war, was das f\u00fcr ihn bedeutet hat, das kann ich nicht wiedergeben. Das habe ich noch nicht weiter erforscht. Es waren eher die Arbeiten von Yoko Ono aus den sechziger Jahren, ihre \u201cMind Games\u201d, die mich beeinflusst haben. Allerdings habe ich einen Gro\u00dfteil ihrer Arbeiten erst kennengelernt, nachdem ich bereits mit der Arbeit mit gedanklichen Skulpturen begonnen hatte. In Orono fiel mir <em>&#8222;Arias and Objects&#8220;<\/em>, ein Bildband \u00fcber ihr Werk, in die H\u00e4nde, als ich ziellos in der Buchhandlung auf dem Campus der University of Maine herumst\u00f6berte. Zuerst war es frustrierend, zu erfahren, dass das schon jemand gemacht hat, dieses Spiel mit Gedanken und Vorstellungen im Zusammenhang mit Kunst. Aber meine Arbeit unterscheidet sich doch auch von Onos, vor allem in der Art der Umsetzung. Aber das kann man als einen Aspekt davon sehen, als eine Variation. Kein Grund f\u00fcr mich, nicht in die gleiche Richtung zu arbeiten. Ein paar Jahre sp\u00e4ter ist dann auch ein Objekt entstanden, quasi als Querverweis auf Onos Arbeiten, das Schriftobjekt \u201eTribute-to-piece: Yes (Yoko Ono)\u201c. Ich sehe das nicht als Plagiat. Eher als Zitat. Ich mag auch Readymades. Die Arbeiten von Elsa von Freytag-Loringhoven und von Marcel Duchamp nach der Jahrhundertwende waren damals zweifellos bahnbrechend, diese Erweiterung der Kunst auf Alltagsgegenst\u00e4nde, die in einen neuen Kontext oder eine andere Umgebung gebracht, eine andere Bedeutung bekamen. Von Freytag-Loringhoven und Duchamp waren unter den ersten, die sich mit solchen Dingen besch\u00e4ftigten, aber der konzeptuelle Ansatz dieser Arbeiten kann auch fast hundert Jahre sp\u00e4ter auf neue Weise wiederentdeckt werden. Variationen des Themas, verschiedene Aspekte sind meiner Meinung nach erlaubt, vor allem bei einem so spannenden Thema.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<em><br \/>\n(Der Originaltext ist anl\u00e4sslich der Ausstellung \u201eretRoSPEKTIV:jeltsch\u201c entstanden, die im September 2001 in der Gundeldinger Kunsthalle Basel stattgefunden hat. Der hier vorliegende Text wurde im Zuge der \u00dcbersetzungsarbeiten vom Deutschen ins Englische in den Jahren 2021 &#8211; 2023 einige Male \u00fcberarbeitet und auch leicht gek\u00fcrzt.)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Erl\u00e4uterungen und Hintergrundinformationen zur Arbeit mit imagin\u00e4rer Kunst: (ein) m\u00f6gliches Interview &nbsp; Einzelne Arbeiten von ihnen werden mit dem Ausdruck \u201cGedankenskulptur\u201c bezeichnet- was ist unter diesem Begriff zu verstehen? Um diese Frage zu beantworten muss etwas weiter ausgeholt werden- im Duden wird der Begriff \u201eSkulptur\u201c mit den Worten \u201edreidimensionale, vom Menschen geschaffene Form oder &hellip; <a href=\"https:\/\/jeltsch.eu\/webblog\/nebuloese-vorstellungen-von-butter-schneefall-ein-moegliches-interview\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\"><\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/jeltsch.eu\/webblog\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/7374"}],"collection":[{"href":"https:\/\/jeltsch.eu\/webblog\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/jeltsch.eu\/webblog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jeltsch.eu\/webblog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jeltsch.eu\/webblog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7374"}],"version-history":[{"count":49,"href":"https:\/\/jeltsch.eu\/webblog\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/7374\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":42631,"href":"https:\/\/jeltsch.eu\/webblog\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/7374\/revisions\/42631"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/jeltsch.eu\/webblog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7374"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}